Vertrauen in die Ungewissheit - ein Interview mit Alexander Popp von der Lebenshilfe

Vertrauen in die Ungewissheit
Ein Gespräch mit Alexander Popp, HR-Führungskraft und systemischer Coach bei der Lebenshilfe, geführt am 07. September.
Ein Lebenslauf, der alles andere als geradlinig ist: Ende September hat Alexander Popp die Lebenshilfe verlassen, wo er die Personalabteilung von zwei auf fünf Köpfe aufgebaut und ein komplettes System modernisiert hat. Im Gespräch erzählt er, warum Widerstand nie Meckern ist, wieso er seit März jeden Morgen 20 Minuten meditiert und warum er gerade jetzt Vertrauen in die eigene Ungewissheit braucht.
Stell dich doch kurz vor: Wer bist du, was machst du, und wie hat dein Lebenslauf deinen Blick auf Führung geprägt?
Ich bin Alexander Popp, seit 16 Jahren im Personalbereich, davon über 11 Jahre in Führungsverantwortung, zuletzt als Leitung Personal, IT & Kommunikation bei der Lebenshilfe.
Eigentlich sollte ich nach der Realschule eine Hotelausbildung machen, mein Großvater war mit dem Hotelbesitzer befreundet. Nach einem Jahr habe ich abgebrochen, dann kamen Callcenter-Jobs, die mir im Nachhinein enorm für meine Rhetorik geholfen haben. Irgendwann habe ich neben der Arbeit mein Abitur nachgeholt, jeden Abend, und mein Studium finanziert, indem ich mein eigenes Wohnzimmer an Studierende vermietet habe.
Das war mein Weg, und er hat mich geprägt. Als ich später selbst im Personalbereich Menschen eingestellt habe, waren mir gerade die unkonventionellen Lebensläufe sympathisch. Für ein Gespräch habe ich mir dann lieber eine Stunde mehr Zeit genommen und dabei die spannendsten Menschen kennengelernt, die am Ende trotzdem gepasst haben.
2020 bist du bei der Lebenshilfe gestartet und hast dort vieles neu aufgebaut. Was braucht es, damit Menschen Vertrauen in Veränderung fassen?
Als ich 2020 bei der Lebenshilfe angefangen habe, gab es meine Position vorher gar nicht. Der typische Satz, der mir entgegenschlug: „Das haben wir immer so gemacht.“ Schnell wurde mir klar: Veränderung funktioniert nur, wenn Menschen den Nutzen für sich selbst erkennen, nicht, wenn man sie von oben verordnet.
Eines der größten Projekte war die Neubesetzung von Führungspositionen. Bis dahin waren bei den Entscheidungen vor allem Erfahrung, Betriebszugehörigkeit und die persönliche Einschätzung der jeweiligen Führungskraft ausschlaggebend. Gerade im sozialen Bereich hat das direkte Auswirkungen auf die Betreuung der Klient:innen. Ich wollte den Prozess transparenter und nachvollziehbarer gestalten und habe deshalb ein Assessment eingeführt. Das wurde anfangs durchaus kritisch diskutiert, auch mit dem Betriebsrat. Gemeinsam haben wir schließlich ein Verfahren mit paritätisch besetzter Auswahlkommission entwickelt, das sich etabliert hat und irgendwann ganz selbstverständlich geworden ist. Parallel haben wir die Personalabteilung von zwei auf fünf Köpfe ausgebaut und, als 2024 die Tarifumstellung von TVöD VKA auf SOE anstand, 600 Arbeitsverträge neu aufgesetzt. Auch das war am Ende ein Erfolg für die Wettbewerbsfähigkeit der Organisation, darauf waren wir im Team richtig stolz.
„Ich bin immer gut damit gefahren, eben den Vorteil für das Gegenüber sichtbar zu machen.“
Du sprichst offen darüber, wie sich deine Führungshaltung in den letzten Jahren verändert hat. Was war der Auslöser dafür?
Letztes Jahr habe ich eine Ausbildung zum systemischen Coach gemacht. Der Auslöser war kein einzelnes Erlebnis, sondern ein wiederkehrendes Muster: Veränderungen, die für mich völlig sinnvoll erschienen, haben bei anderen teilweise ganz andere Reaktionen ausgelöst. Ich wollte besser verstehen, was dahintersteckt, statt diese Reaktionen vorschnell zu bewerten.
Die Ausbildung hat meine Haltung verändert, auch privat. Wenn jemand anderer Meinung ist, ist das völlig in Ordnung, weil diese Person die Welt einfach mit anderen Augen sieht. Als Führungskraft nimmt man Widerspruch sonst schnell persönlich, als Kritik an sich selbst. Seitdem schaue ich genauer hin, wenn es um mich herum ruhig wird. Stille heißt nicht, dass alles läuft, manchmal heißt sie, dass sich jemand nicht gesehen fühlt und sich nicht traut, das zu sagen.
„Bevor man nicht gelernt hat, sich selber zu führen, sollte man in der Regel keine Führung übernehmen.“

Dein Leitsatz ist „Führung mit Haltung“. Was bedeutet das für dich, und wie zeigt sich das im Umgang mit Widerstand?
Führung mit Haltung ist mein Slogan, aber der wird oft missverstanden. Es bedeutet nicht, alles hinzunehmen und immer nett zu sein. Führung zeigt sich genau dann, wenn es schwierig wird, wenn der Impuls da ist, das eigene Ego zu bedienen, weil man selbst gestresst ist, und einen Mitarbeitenden im Meeting anzufahren, weil er gerade nicht mitgeht. Genau da entscheidet sich, ob man klar bleibt.
Wichtig ist, Widerstand ernst zu nehmen ohne gleich jede Entscheidung mit 150 Leuten zu diskutieren. Aber Veränderung frühzeitig transparent zu machen, gibt Menschen die Möglichkeit, sich darauf einzustellen. Sonst wird jemand leiser, man denkt, es ist alles in Ordnung, und irgendwann eskaliert es oder die Kündigung liegt auf dem Tisch.
„Widerstand hat ja erst mal überhaupt keinen bösen Hintergedanken, sondern da steckt ja ganz viel Sorge oder ein unerfülltes Bedürfnis dahinter.“
Ende September verlässt du die Lebenshilfe. Wie geht es dir damit?
Es wäre gelogen, zu sagen, dass mich die Unsicherheit nicht manchmal beschäftigt. Aber der Rückblick auf mein bisheriges Leben hilft: Am Ende haben sich die Dinge immer zum Guten gewendet. Ob mein nächster Schritt wieder in eine Organisation führt oder ob ich meinen eigenen Weg weiter ausbaue, ist offen. Vielleicht entsteht am Ende auch eine Kombination aus beidem.
Seit März meditiere ich jeden Morgen 20 Minuten, konsequent. Man muss nur die ersten 30 Tage überstehen, dann wird es zum Ritual, und es tut mir richtig gut. Wenn es doch mal schwierig wird, gebe ich mir eine Viertelstunde zum Grübeln, mit Wecker, und danach ist Schluss. Dann geht der Alltag weiter.
„Was kann im schlimmsten Fall passieren? Ich glaube nicht, dass ich irgendwann unter einer Brücke schlafen werde.“
Und wenn du dem Alexander von 2020 noch etwas mitgeben könntest, der gerade bei der Lebenshilfe angefangen hat: Was wäre das?
Hab mehr Verständnis für die Reaktionen der Menschen. Nimm sie nicht als Meckern wahr, sondern finde heraus, welches Bedürfnis dahintersteckt. Ich glaube, ich wäre dann viel schneller an meine Ziele gekommen.
Zum Abschluss eine Frage, inspiriert von meinem Lieblingspodcast „Hotel Matze“: Du hast eine große Plakatwand, auf der die ganze Gesellschaft deine Botschaft lesen kann. Was steht drauf?
Mehr Interesse am anderen Menschen zeigen, mehr Mitgefühl. Wir sind eine Spezies, warum machen wir es uns gegenseitig so schwer? Das beschäftigt mich wirklich.
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