Beide Seiten kennen und trotzdem klar Position beziehen - ein Interview mit Karin Erhard

Beide Seiten kennen und trotzdem klar Position beziehen

Ein Gespräch mit Karin Erhard, Arbeitsdirektorin und Geschäftsführerin bei der Vivawest GmbH und Vivawest Wohnen GmbH

Was passiert, wenn jemand über 30 Jahre lang die Seite der Arbeitnehmer:innen vertreten hat und dann plötzlich am anderen Ende des Verhandlungstisches sitzt? Karin Erhard hat bei der IGBCE Tarifverhandlungen geführt, Betriebsrät:innen geholfen und Frauenpolitikgemacht. Heute ist sie Arbeitsdirektorin und Geschäftsführerin bei VIVAWEST in Gelsenkirchen. Im Gespräch erzählt sie, was sich durch den Seitenwechsel verändert hat, warum sie Quote inzwischen für notwendig hält und was Führung mit Vorleben zu tun hat.

 

Wie findet man seinen Weg, ohne ihn zu planen?

Ich komme aus dem Schwarzwald, habe in Tübingen Jura studiert und bin dann wirklich über Umwege bei einer Gewerkschaft gelandet. Was mich dorthin gebracht hat, war eine ganz grundlegende Frage: Was ist gut und was ist böse? Ein Praktikum beim DGB während meines Referendariats hat mir gezeigt: Das fühlt sich richtig an. Also habe ich mich beworben, bin nach Hannover gegangen – das war ein echter Kulturschock, von Baden-Württemberg in den Norden – und bin fast ein halbes Leben dort geblieben. Über 30 Jahre bei  der IGBCE.

Ich habe als Sekretärin im Bereich Tarifpolitik angefangen, war irgendwann Abteilungsleiterin, Vorstandssekretärin, Justiziarin und zuletzt vier Jahre im Geschäftsführenden Hauptvorstand. Als mein Vorsitzender mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, als Arbeitsdirektorin bei VIVAWEST einzusteigen, war das ziemlich überraschend. Ich habe ein paar Tage gebraucht. Und dann gedacht: Warum nicht? Noch mal eine ganz neue Perspektive einnehmen. Wohnungswirtschaft kannte ich kaum, aber mit Menschen zu tun haben, auf jeden Fall.

„Das Leben hat mir eine Möglichkeit gegeben, und ich habe sie bewusst ergriffen. Wieder nicht linear – aber absolut nicht bereut."

 

Was verändert sich, wenn man die Seite wechselt?

Ich habe jahrelang die Seite der Arbeitnehmer:innen vertreten, Tarifverhandlungen geführt, Betriebsrät:innen in ihrer Arbeit begleitet und unterstützt. Jetzt verhandelt der Betriebsrat mit mir. Das hat mich schon gereizt – diese andere Seite der Medaille kennenzulernen, mal in einem Unternehmen zu arbeiten statt in einer politischen Organisation.

Was ich mitbringe, ist der Blick für beide Seiten. Ob du auf der einen oder der anderen Seite sitzt – am Ende geht es immer darum, dass sich keiner über den Tisch gezogen fühlt. Einen guten, für beide Seiten verträglichen Kompromiss zu finden - das ist ein guter Job - egal von wo aus du ihn machst. Bei uns ist das wirklich so: Wir sind auch mit dem Betriebsrat auf Augenhöhe unterwegs. Jeder kennt seine Rolle und das wird akzeptiert.

„Ob ein Mensch Einfluss hat, oder Respektgenießt, hat nichts mit der Anrede ,Du‘ oder ,Sie‘ zu tun. Das hat mit der Haltung des Menschen zu tun."

 

Foto: Verena Rustemeyer und Karin Erhard

Wie entsteht Kultur und was hält sie am Leben?

Kultur entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch konkretes Handeln.

Genau dafür haben wir unseren VIVAWEST SPIRIT ins Leben gerufen – kein abgeschlossenes Vorhaben, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Geprägt von Offenheit, Klarheit und Konsequenz geht es uns darum, miteinander stattübereinander zu sprechen. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie: Was bedeutet für uns gute Zusammenarbeit? Und wie wollen wir miteinander umgehen?

Essenziell dabei ist der persönliche Austausch. Mir ist wichtig, mit den Kolleg:innen auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen – offen zu fragen: Was gefällt euch? Was läuft gut? Was könnte besser sein?

Viele hatten zu Beginn eine Hemmschwelle – nach dem Motto: das ist die Geschäftsführung, bloß nicht anecken. Doch sobald man sich als Mensch zeigt und locker bei einem Kaffee oder Frühstück ins Gespräch kommt, verändert sich die Atmosphäre. Es entsteht ein echter Dialog und die Kolleg:innen sehen: Das sind keine Halbgötter da oben, sondern auch ganz normale Menschen.

„Kultur ist kein Projekt. Projekte haben ein Ende. Kultur ist ein Prozess, der sich entwickelt und nie aufhört."

 

Wann werden Netzwerke zu echten Treibern von Veränderung?

Wir haben unter anderem ein Frauennetzwerk und ein Väternetzwerk. Und wir haben diese Netzwerke auch schon durch gemeinsame Veranstaltungen zusammengebracht – das kam sehr gut an. Denn die Themenüberschneiden sich: Vereinbarkeit, Elternzeit, Sorgearbeit. Das sind keine Frauenthemen. Das sind Menschenthemen.

 

Was mir wichtig ist: Die Netzwerke setzen selbst die Themen. Sie identifizieren, wo es hakt – und dann kann man anfangen, damit zu arbeiten. Väter, die in Elternzeit gehen wollen, haben oft Angst, dass das als Karrierehemmnis gewertet wird. Und ehrlich gesagt: Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen – auch in Führungsetagen sieht man das noch viel zu selten. Da wünsche ich mir in Zukunft noch mehr Mut.

„Führung heißt für mich auch Vorbild sein und vorleben. Und dadurch Traditionen im Unternehmen brechen – einfach mal den Anfang machen."

 

Was hat sich beim Thema Gleichberechtigung wirklich verändert?

Als ich nach dem Referendariat anfing, hätte ich jeder, die nach einer Quote gefragt hätte, den Vogel gezeigt. Ich war überzeugt: Ich bin selbstbewusst genug, ich schaffe das auf dem Arbeitsmarkt auch so. Nach fast 35 Jahren Berufserfahrung glaube ich das nicht mehr. Bestimmte Positionen brauchen klare Ziele und Verbindlichkeit – sonst bleibt Veränderung zu oft beim guten Willen stehen. Das habe ich gelernt.

Was mich manchmal beschäftigt: Ich frage mich, ob wir bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirklich schon so weit sind, wie wir glauben. Manche Debatten zeigen, dass das Thema längst nicht abgeschlossen ist. Nicht, weil Familienarbeit nicht wertvoll wäre – das ist sie. Aber finanzielle Unabhängigkeit ist kein ideologisches Thema. Sie ist eine Frage der Absicherung. Und die Realität – etwa bei der Rente – gibt einem da zu denken.

„Finanziell unabhängig zu sein ist keine Forderung. Das ist Selbstschutz."

 

Was wünschst du dir für die Zukunft der Arbeit?

Ich wünsche mir, dass das Gefühl von 'hier oben und da unten' endlich aufhört. Natürlich braucht es Führungskräfte, jemanden, der Verantwortung übernimmt. Aber das bedeutet nicht, dass man über anderen steht. Ich sage unseren Auszubildenden: Ihr seid die Zukunft. Ihr seid ein Teil dieser Kultur. Das meine ich ernst.

Was Menschen antreibt – oder eben nicht – ist fast immer dasselbe: Werde ich gesehen? Werde ich wertgeschätzt für das, was ich tue? Wenn die Antwort nein ist, kündigen Menschen – innerlich zuerst, dann offiziell. Das zu ändern ist keine Frage von Programmen oder Projekten. Das ist eine Frage von Haltung: Jeden Tag, auf allen Ebenen. Und das ist für mich der entscheidende Punkt, warum eine Kultur gut ist, oder eben nicht.

„Ich werde gesehen – das ist Wertschätzung für meine Arbeit. Wenn man Menschen fragt, die unzufrieden sind oder gekündigt haben, fehlt ihnen genau das.“

 

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