You can be what you can see - ein Interview mit Stefanie Klein

You can be what you can see.
Ein Gespräch mit Stefanie Klein, Group Diversity & Inclusion Managerin und Initiative Lead Women4Metals bei Aurubis
Stefanie Klein ist seit fast 16 Jahren bei Aurubis, einem der größten Kupferrecycler der Welt, tief verwurzelt in der Multimetallindustrie. Nicht das naheliegendste Umfeld für jemanden, der eine Karriere im Diversity-Management macht. Aber genau da hat sie etwas aufgebaut, das heute weit über das Unternehmen hinauswirkt: Women4Metals, eine Initiative, die aus einem Mittagspausentreffen entstanden ist und zur branchenübergreifenden Initiative wurde.
Im Gespräch erzählt sie, was Veränderung in einem rund 85-Prozent-Männer-Unternehmen wirklich braucht: Daten, Mut, Geduld und den konsequenten Blick aufs System statt auf die Einzelperson.
Liebe Stefanie, stell dich doch einmal unseren Leserinnen und Lesern vor. Wer bist du, was machst du und was bringt dich morgens wirklich an den Schreibtisch?
Mein Name ist Stefanie Klein, alle nennen mich Steffi. Ich lebe in Hamburg, bin sportlich und surfe am liebsten an der Nordsee oder in Dänemark. Und ich arbeite seit fast 16 Jahren bei Aurubis, einem Unternehmen, in das ich ehrlich gesagt durch Zufall geraten bin.
Ich komme nicht aus der Metallbranche. Davor habe ich im Lebensmittelbereich und in anderen Industrien gearbeitet. Es war eine Frau, die mich auf Aurubis aufmerksam gemacht hat und ohne sie wäre ich wahrscheinlich nie da gelandet. Am Anfang war es für mich eine neue Welt. Aber sie hat mir gezeigt: Das ist ein cooler Job, das ist ein cooler Arbeitgeber. Und das hat sich bewahrheitet.
Was mich anzieht, ist dieses Gefühl, wirklich etwas zu bewegen, Schritt für Schritt. Das ist vielleicht mein eigentlicher Motor: nicht die große Geste, sondern die Wirkung, die sich langsam zeigt.
"Ich glaube, wenn man etwas gefunden hat, wofür man eine Leidenschaft hat, ist man auch automatisch gut darin. Du kannst gegen niemanden antreten, der Spaß an dem hat, was er tut."
Aurubis ist ein Unternehmen mit langer Geschichte und einer sehr eigenen Branche. Was macht die Kultur dort aus und was spürst du, wenn du morgens reinkommst?
Es ist ein Unternehmen mit sehr viel Identifikation. Die Menschen hier sind stolz auf das, was sie tun. Dieses Kupfer, das in jedem Handy, jedem E-Auto, jeder Windkraftanlage steckt: Das wird bei uns produziert und recycelt.
Gleichzeitig sind wir gerade in einer spannenden Phase. Wir haben seit Herbst 2024 fast einen komplett neuen Vorstand und befinden uns mitten in einem Kulturwandelprojekt. Themen wie Zusammenarbeit und Veränderungsfähigkeit werden aktiv bearbeitet.
In der Produktion arbeiten rund 98 Prozent Männer und ca. 2 Prozent Frauen. Dort herrscht ein direkter Ton, aber immer herzlich und authentisch. Da ist man so, wie man ist - kein Verstellen, kein Schönreden und das schätze ich.
Gleichzeitig ist der Kontrast zur Verwaltung real. Andere Kommunikationswege, andere Begegnungsformen. Wer im Werk steht, ist nicht per E-Mail erreichbar und das ist auch gut so. Es braucht andere Formate, andere Räume. Genau das macht es spannend.
Was mich daran fasziniert: Viele Kolleginnen und Kollegen sind seit Jahrzehnten dabei und trotzdem ist gerade so viel in Bewegung.
"Aurubis ist so ein bisschen ein Hidden Champion auf dem Arbeitsmarkt. Noch nicht überall bekannt, aber ein spannender Arbeitgeber, wenn man Digitalisierung, Innovation und echten Impact sucht."
Wenn du an Veränderung denkst – gibt es ein Bild, eine Situation, eine Person, die dir sofort in den Sinn kommt?
Mein erster Impuls ist: Yay. Ich bin intrinsisch motiviert, wenn es darum geht, Dinge zu verändern. Gleichzeitig weiß ich, dass nicht alle so ticken, und das erdet mich immer wieder.
Was mir sofort in den Kopf kommt: Veränderung braucht einen Unterbau. Du kannst nicht einfach sagen, wir machen das jetzt so. Du brauchst Zahlen, du brauchst Analyse, du musst wissen, wo du stehst, und dann musst du die Menschen mitnehmen. Nicht überzeugen, nicht überreden, mitnehmen.
Und dafür brauchst du Mut. Wenn du andere Wege gehst, wenn du unbequeme Fragen stellst, wenn du tiefer hinschaust als andere wollen, das erfordert Überzeugung. Veränderung und Mut gehören für mich untrennbar zusammen.
"Wenn du immer alles gleich machst, erzeugst du keine Veränderung. Für andere Wege braucht man Mut, das ist kein Klischee, das ist einfach wahr.2
Wie hat Women4Metals angefangen und wo steht die Initiative heute?
Women4Metals ist eine Graswurzelinitiative. Sie ist nicht von oben angeordnet worden, sondern 2019 entstanden, weil wir als Mitarbeiterinnen einfach angefangen haben. Wir haben uns in Mittagspausen getroffen, uns eine Vision gegeben und geschaut: Was können wir eigentlich tun? Wir hatten keinen offiziellen Arbeitsauftrag, nur Überzeugung.
Kurz nach dem Start kam Corona. Wir sind ins Digitale umgezogen und haben weitergemacht. Was damals mit fünf Gesichtern am Bildschirm angefangen hat, hat heute 90 bis 100 Teilnehmende pro Lunchbreak Session, davon 30 Prozent Männer. Das zeigt mir: Wenn das Thema echt ist und die Menschen spüren, dass es ernst gemeint ist, kommen sie.
Irgendwann haben wir das unserem damaligen Vorstandsvorsitzenden vorgestellt. Seine Reaktion: Macht es groß und macht es nicht nur für Aurubis, sondern macht es für die Industrie. Das war der Moment, in dem aus einer Initiative eine Strategie wurde. Heute ist Women4Metals fest in der Unternehmensstrategie verankert – mit KPIs, mit Budget, mit Koordinatorinnen und Koordinatoren an allen weltweiten Standorten.
Mit dieser Verankerung kam eine neue Aufgabe: nicht nur nach außen wirken, sondern ehrlich nach innen schauen. Was haben wir wirklich zu bieten und wo fehlt noch etwas? Das war der Ausgangspunkt für das Female Readiness Assessment.
"Women4Metals ist aus unserem eigenen Wunsch heraus entstanden, etwas zu verändern. Das kann man nicht von oben auferlegen. Das muss von innen wachsen."
Ihr habt nicht nur eine Initiative aufgebaut, ihr habt auch tief ins Unternehmen hineingeschaut. Was steckt hinter dem Female Readiness Assessment?
Wir haben uns gefragt: Wie bereit sind wir eigentlich für Frauen und für Familien? Das klingt nach einer simplen Frage. Aber die Antwort zu finden, das war alles andere als einfach. Wir haben HR-Daten analysiert und persönliche Interviews mit Menschen quer durch alle Hierarchieebenen und Lebenssituationen geführt. Die Teilnahme war freiwillig, die Gespräche wurden anonymisiert und extern begleitet.
Am Anfang gab es Widerstände. Manche dachten: Das darf der Arbeitgeber doch gar nicht fragen. Themen wie Wechseljahre, unerfüllter Kinderwunsch, Rückkehr nach der Elternzeit, das sind persönliche Dinge. Aber nur wenn wir wissen, wo die Leute stehen, können wir auch etwas verändern. Und was mich wirklich überrascht hat: Die Menschen haben sich geöffnet. Manche haben sich hinterher noch mal gemeldet und gesagt, ich habe noch etwas zu ergänzen.
Aus diesem Assessment ist jetzt eine strategische Roadmap entstanden. Eine erste konkrete Maßnahme ist eine digitale Gesundheitsplattform für Frauen zu unterschiedlichen Lebensphasen. Ein Angebot und ein klares Zeichen: Wir sehen euch. Ich glaube nicht, dass viele Unternehmen in unserer Industrie das haben.
"Wenn du besser werden willst, musst du die Wahrheit kennen. Wir haben hingeschaut, auch dorthin, wo es unbequem war. Und das hat uns weitergebracht."
Kleine Gesten, große Wirkung. Was kannst du anderen Unternehmen mitgeben?
Ganz am Anfang haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht: Sanitäre Einrichtungen für Frauen im Werk. Arbeitskleidung in Frauengrößen. Transponder, die auch für die Frauentoilette funktionieren. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wenn ich als Frau im Werk erst zum Meister gehen muss, um Zutritt zur Toilette zu bekommen, keine böse Absicht, aber ein Signal, auf das wir reagieren müssen.
Eine Frau aus der Produktion hat uns noch auf etwas anderes aufmerksam gemacht: Wir haben hier keine Taschen, wäre es nicht toll, wenn Hygieneartikel einfach auf den Toiletten da wären? Und wir haben es umgesetzt. Keine große Sache und doch so viel mehr als eine Kleinigkeit. Weil es zeigt: Wir haben hingehört und wir handeln.
Das ist das, was ich jedem Unternehmen mitgeben würde: Schaut auf die Zahlen, die da sind. Wie viele Frauen habt ihr? Was sind eure Bewerbungsquoten, eure Fluktuationsraten? Wie viele Frauen sitzen in Führung? Und dann: Hört hin. Nicht mit tausend Ideen kommen, sondern erstmal zuhören, was die Menschen wirklich beschäftigt.
"Es geht mir nicht um bessere Bedingungen für Frauen. Es geht mir um gleiche Bedingungen. Das ist ein Unterschied."
Du sagst es geht um gleiche Bedingungen. Was würdest du einer Frau mitgeben und was einem Mann?
Dem Mann sage ich: Don't fix the women. Fix the system behind. Es geht nicht darum, Frauen zu verändern. Es geht darum, das System so zu gestalten, dass Frauen alle Chancen bekommen. Perspektivwechsel ist dabei das Wirksamste, was ich kenne. Wenn jemand einmal wirklich versteht, wie es sich anfühlt, in einem Raum zu sein, in dem man nicht erwartet wird, dann verändert das etwas.
Einer Frau würde ich sagen: Trau dich. Geh aus deiner Komfortzone raus. Ich erlebe immer wieder, dass Frauen sich aufgrund ihrer Sozialisation Dinge nicht zutrauen. Ich frage eine Kollegin, ob sie auf einem Panel sprechen will und sie sagt: Ich bin doch keine Führungskraft. Dabei bringt sie eine Expertise mit, für die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann sofort Ja gesagt hätte. Mach dich sichtbar. Bewirb dich auf die Position, die sich zu groß anfühlt. Stell dich ins Schaufenster. Wenigstens bist du gesehen worden.
Und das Verbindende zwischen beidem: Nie gegeneinander, immer miteinander. Das ist das Einzige, was wirklich funktioniert.
"Es geht nicht darum, Frauen zu verändern. Es geht darum, die Bedingungen zu verändern, unter denen sie arbeiten."
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