"Gesundheit im Unternehmen neu denken: Gesundheit ist kein Projekt. Es ist ein Dauerlauf." - ein Interview mit Dr. med. Cathrin Myland Bruckmann

Ein Gespräch mit Dr. med. Cathrin Myland Bruckmann, Gebietsleiterin beim TÜV NORD MEDITÜV.
Wie spricht man eigentlich über Gesundheit im Unternehmen, ohne sofort bei Maßnahmen, Programmen oder Zahlen zu landen?
Im Gespräch mit Dr. med. Cathrin Myland Bruckmann wird schnell klar: So einfach ist das Thema nicht. Sie kommt aus der Praxis. Hat selbst erlebt, wie Arbeit sich anfühlt, körperlich und kulturell. Und spricht über Gesundheit nicht wie über ein Konzept, sondern wie über etwas, das jeden Tag passiert. Als Gebietsleiterin beim TÜV NORD MEDITÜV begleitet sie heute Unternehmen rund um Arbeitsmedizin, Prävention und Arbeitssicherheit. Was sie dabei immer wieder feststellt: Es fehlt selten an Angeboten. Viel häufiger fehlt das Verständnis und die Haltung dahinter. Und genau darüber sprechen wir.
Wie bist du zur Arbeitsmedizin gekommen?
Ich bin seit drei Jahren beim TÜV NORD und mein Weg dahin war alles andere als geradlinig. Ich habe als Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Notaufnahme gearbeitet und später Medizin studiert. Diese Zeit hat mich geprägt, vor allem im Umgang mit Menschen.
Aber wenn ich ehrlich bin, hat mich etwas ganz anderes mindestens genauso geprägt: mein Elternhaus. Ich bin in einer Schlosserei groß geworden, ein Familienunternehmen mit 20 Mitarbeitenden. Ich bin da zwischen Schlossern auf Baustellen rumgelaufen. Und ich habe Führung erlebt, ohne dass es so genannt wurde.
Als Kind habe ich meinen Vater gefragt: „Papa, bist du Chef?“ Und er hat gesagt:
„Nein, bei uns ist keiner Chef. Einer muss halt ab und zu Entscheidungen treffen.“
Das habe ich damals nicht verstanden. Heute merke ich, wie sehr mich genau dieser Satz geprägt hat. Er wollte nicht als Chef wahrgenommen werden. Er hat Verantwortung übernommen, aber nicht über Status, sondern über Haltung. Und ich glaube, genau das prägt mich bis heute in meiner Rolle.
„Wenn du nicht lernst, mit Menschen umzugehen, gehst du unter.“
Wie funktioniert Veränderung in regulierten Systemen?
Viele glauben, dass in stark regulierten Bereichen kein Raum für Veränderung ist. Arbeitsschutz, Normen, Gesetze, alles klar geregelt. Aber Veränderung scheitert nicht an Regeln. Sie scheitert daran, dass Menschen nicht verstehen, warum sie etwas tun sollen. Ich kann dir sagen: Du kannst alles vorschreiben, wirklich alles. Und trotzdem passiert nichts. Weil Menschen nicht nach Vorschrift handeln, sondern nach Sinn. Das erlebe ich jeden Tag, beim Gehörschutz, beim ergonomischen Arbeiten, bei Sicherheitsvorgaben. Wenn jemand versteht, warum etwas wichtig ist, verändert sich sein Verhalten. Wenn nicht, bleibt es bei einem Haken auf einer Liste. Und genau da entscheidet sich, ob Veränderung wirkt oder nicht. Und ob sie überhaupt stattfindet.
Warum bleiben so viele Maßnahmen wirkungslos?
Ich gehe in Unternehmen und erkläre ergonomisches Sitzen. Ich zeige, welche Muskulatur überlastet wird, wenn die Tastatur zu weit weg liegt. Ich erkläre, was mit dem Trapezius passiert, wenn man acht Stunden so arbeitet. Und drei Stunden später sitzen alle wieder genauso wie vorher. Das Problem ist nicht fehlendes Wissen. Das Problem ist fehlendes Verstehen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob jemand weiß, dass er anders sitzen sollte oder ob er versteht, warum ihm abends der Rücken wehtut.
Deswegen gehe ich oft anders ran. Ich erkläre erst den Körper, den Zusammenhang, die Wirkung. Erst dann fange ich an, Monitore einzustellen. Und plötzlich verändert sich etwas.
Wir haben das auch mal ganz praktisch getestet: Statt Gehörschutz einfach vorzuschreiben, haben wir drei Modelle gegeben. Jeder hat ausprobiert, jeder hat Feedback gegeben. Das Modell, das am besten gepasst hat, wurde angeschafft. Die Akzeptanz war komplett anders.
„Wenn die Leute verstehen, um was es geht, dann ändern sie auch was.“

Was unterscheidet Unternehmen, die Gesundheit leben, von denen, die sie nur erfüllen?
Der Fisch fängt immer vom Kopf an zu stinken. Das klingt abgedroschen, aber ich erlebe es täglich.
Wenn ich in ein Unternehmen komme, in dem seit 30 Jahren die gleiche Haltung herrscht, jemand, der damals selbst ohne Gehörschutz in den Bunker gegangen ist, dann werde ich da nichts verändern. Nicht nachhaltig. Weil Haltung nicht durch Maßnahmen ersetzt werden kann. Und weil man Haltung nicht delegieren kann.
Die Unternehmen, die Gesundheit ernst meinen, erkenne ich sofort. Die binden uns ein. Die sprechen mit uns. Die fragen, bevor etwas passiert, nicht danach. Die rufen nicht erst an, wenn die Berufsgenossenschaft vor der Tür steht. Und dann gibt es die anderen. Die buchen uns, setzen einen Haken und denken, damit ist das Thema erledigt. Das sind zwei komplett unterschiedliche Welten.
Was hat dich an der Arbeitswelt besonders zum Nachdenken gebracht?
Ich hatte mal ein Callcenter als Kunden. Und ganz ehrlich: Ich bin da mit einer klaren Erwartung reingegangen. Hohe Fluktuation, viel Druck, wenig Gesundheit. Und dann kommst du da rein und denkst dir: Was passiert hier eigentlich? Die haben Akustikpflanzen statt Standardlösungen. Die haben regelmäßig Gesundheitsangebote. Die kümmern sich wirklich. Ich stand da und habe mich gefragt: Was sollen wir hier eigentlich noch machen? Die haben das schon alles. Ausgerechnet ein Callcenter. Und gleichzeitig war ich vor Kurzem in einer Ausstellung zur Industrialisierung in Bonn.
Und das hat mich fast noch mehr beschäftigt. Damals haben Unternehmen angefangen, sich Gedanken zu machen: Wie bleiben Mitarbeitende gesund? Natürlich mit dem Gedanken der Wirtschaftlichkeit durch den Erhalt der Arbeitskraft. Aber es war auch eine Verantwortung, die zum Beispiel hier im Ruhrgebiet, zum Beispiel durch den Bau von Zechensiedlungen für die Belegschaft übernommen wurde.
Wohnraum, Infrastruktur, ergonomische Abläufe. Und ich stand da und dachte: Wir reden heute über New Work, über Kultur, über Programme. Und gleichzeitig haben wir an manchen Stellen etwas verloren. Diese Selbstverständlichkeit von Verantwortung. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir da eher einen Schritt zurück gemacht haben.
Wie verändert sich Gesundheit durch neue Arbeitswelten?
Gerade durch Homeoffice und neue Technologien sehe ich eine Entwicklung, die viele unterschätzt haben. Viele Unternehmen hatten Angst, dass im Homeoffice weniger gearbeitet wird. Meine Erfahrung war das Gegenteil. Die Leute haben mehr gearbeitet. Keine klaren Grenzen mehr. Ich hatte Gespräche mit Mitarbeitenden, die abends im Bett noch gearbeitet haben, weil der Laptop ja da war. Und dann wundern wir uns über Belastung.
Das ist keine Frage von Tools. Das ist eine Frage von Führung. Und davon, was Führung vorlebt. Wenn Führung keine Orientierung gibt, regelt sich das nicht von selbst. Und ich glaube, dass KI das noch verstärken wird. Mehr Möglichkeiten bedeuten nicht automatisch Entlastung. Oft bedeuten sie mehr Druck.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Arbeit?
Ehrlich gesagt wünsche ich mir vor allem, dass das genutzt wird, was es schon gibt. Arbeitsmedizin existiert. Prävention existiert. Wir sind da. Wir kommen, wenn man uns ruft. Aber oft werden wir behandelt wie ein notwendiges Übel. Wie etwas, das man halt machen muss, einmal im Jahr abhaken und dann wieder vergessen. „Wir müssen das, was es schon gibt, endlich nutzen.“ Dabei können wir so viel mehr sein.
Wenn ich regelmäßig im Unternehmen bin, sehe ich Dinge, die sonst keiner sieht. Ich sehe, wenn in einer Abteilung plötzlich mehr Fehlzeiten entstehen. Ich sehe, wenn eine Maschine zu laut ist oder ein Arbeitsplatz nicht passt. Ich kann gezielt beraten. Ich kann früh reagieren. Ich kann Dinge verhindern, bevor sie zum Problem werden. Aber nur, wenn man mich lässt. Nur, wenn man mich informiert. Nur, wenn man mich wirklich als Teil des Teams begreift.
Ich wünsche mir mehr Vertrauen in diese Zusammenarbeit. Weniger Angst vor dem Thema. Und mehr echtes Interesse daran, Gesundheit wirklich mitzudenken
Denn wir sind nicht da, um zu kontrollieren. Wir sind da, um zu unterstützen. Und wenn das wirklich passiert, verändert sich etwas. Gesundheit ist dann kein Projekt mehr, das man irgendwann abschließt. Sondern etwas, das im Alltag mitläuft. Und wer einmal erlebt hat, wie gut das funktionieren kann, der will nicht mehr zurück. Das sehe ich bei den Unternehmen, mit denen wir wirklich eng arbeiten. Die rufen uns an. Nicht weil sie müssen. Sondern weil sie wollen.
„Gesundheit ist kein Projekt. "Es ist ein Dauerlauf.“
Am Ende unseres Interviews angekommen – was würdest du Organisationen mitgeben?
Traut euch. Viele Unternehmen haben Respekt vor dem Thema oder schieben es vor sich her. Aber:
„Du musst das nicht alleine machen.“
Sucht euch Partner, bindet sie ein und fangt an. Nicht perfekt, aber ehrlich. Es geht nicht darum, einmal etwas umzusetzen und fertig zu sein. Es geht darum, es als Teil der Kultur zu verstehen. Und wenn das gelingt, bekommt man etwas zurück, das man nicht in Zahlen messen kann: gesunde, motivierte und langfristig bleibende Mitarbeitende. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Gesundheit zeigt sich nicht in Maßnahmen, sondern darin, wie wir jeden Tag miteinander arbeiten.
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